#6 Silvia Levenson und “Recovered Identity"
Shownotes
Ein paar grüne Kindersocken, Strampler in Blau, ein rotes Lätzchen – Babykleidung, flach an der Wand aufgereiht: hunderte Stücke aus buntem Glas. Nachempfunden der Kleidung aus dem Fundus der Abuelas de Plaza de Mayo. Seit knapp 30 Jahren schafft Silvia Levenson diese gläsernen Babykleider – als Erinnerung an eine Diktatur, die sie selbst erlebt hat. Silvia Levenson gehört zu den Künstlerinnen, deren Werk die Sammlung der Alexander Tutsek-Stiftung von Anfang an mitgeprägt hat. Ihre Arbeiten wurden in mehreren Ausstellungen der Stiftung gezeigt – darunter „So Much Love and Compassion" (2023) und „Love, Maybe" (2025). Das Herzstück der Zusammenarbeit ist das fortlaufende Werk „Recovered Identity": Die Alexander Tutsek-Stiftung erwarb die Serie 2018 mit damals 118 gläsernen Babykleidungsstücken. Seitdem wächst diese Serie – mit jeder wiedergewonnenen Identität. Heute zählt sie 133 Stücke. Ein lebendiges Archiv, das Silvia Levenson Jahr für Jahr ergänzt.
Wir sprechen mit der in Italien lebenden Künstlerin Silvia Levenson (*1957 in Buenos Aires, Argentinien) über ● das Werk „Recovered Identity“ (2014-gegenwärtig) ● ihre Anfänge als Künstlerin und ihre Immigration nach Italien ● den Zugang der Künstlerin zu dem Medium Glas
**Weiterführende Links **● Alexander Tutsek-Stiftung: https://atstiftung.de/ ● Publikation: About Glass. Contemporary Sculpture and Installations https://atstiftung.de/produkt/about-glass-contemporary-sculpture-and-installations/ ● Silvia Levenson: https://www.silvialevenson.com/
Transkript anzeigen
00:00:00: Ein paar grüne Kindersocken.
00:00:02: Strampler in blau, ein rotes Lätzchen.
00:00:06: Babykleidung flach an der Wand aufgereit.
00:00:09: Hunderte Stücke aus bunten Glas.
00:00:12: Nachempfunden der Kleidung aus dem Fundus der Abuelas de Plaza de Marjo gemacht von der argentinischen Künstlerin Sylvia Levinson.
00:00:22: Sie
00:00:22: hatten Kisten!
00:00:24: Mit Babykleidern, mit Spielzeug, das sie für ihre Kinder gekauft hatten.
00:00:28: Weil sie sie erwartet
00:00:29: hatten.
00:00:32: Kinder die lange nicht nach Hause kamen Die Lehre, die sie seit den Siebzigern der Zeit der argentinischen Militärdiktatur in ihren leiblichen Familien und in der Gesellschaft hinterlassen haben.
00:00:43: Es ist eine Abwesenheit, die in der Geschichte Argentiniens schwerwiegt.
00:00:49: Ich habe begonnen Babykleidung zu machen, weil sie für mich Erinnerung verkörpert.
00:00:54: Für jene Kinder die heute schon fünfzig Jahre alt sind.
00:00:59: Seit knapp dreißig Jahren schafft Sylvia Levinson diese gläsernen Babykleider als Erinnerungen an eine Diktatur, die sie selbst erlebt hat.
00:01:07: Meine Kollegin Jaya Mirani hat sie in ihrem Atelier in Italien besucht und mit ihr über ihr Leben und ihre Kunst gesprochen.
00:01:28: Seit Jahren sammelt, bewahrt und erforscht die Alexander Tutschik-Stiftung Glas im Kontext der zeitgenössischen Kunst.
00:01:35: Im Dezember two thousand startte die Stiftung mit einer Vision dem Übersehnen und besonderen in Kunst und Wissenschaft Aufmerksamkeit zu schenken.
00:01:44: Daraus ist unter anderem eine der bedeutendsten Sammlungen von Glas in der Zeit genösslichen Kunst weltweit geworden.
00:01:51: Sylvia Levinson gehört zu den KünstlerInnen deren Werk diese Sammlung von Anfang an mitgeprägt hat.
00:01:57: Ihre Arbeiten wurden in mehreren Ausstellungen der Stiftung gezeigt, darunter So Much Love and Compassion.
00:02:05: und Love Maybe.
00:02:09: Das Herzstück der Zusammenarbeit ist das fortlaufende Werk Recovered Identity.
00:02:14: Die Stifting erwarb die Serie-Kleidungsstücken.
00:02:20: Seitdem wächst diese Serie mit jeder wieder gewonnenen Identität.
00:02:25: Heute zählt sie onehundertdreißig Stücke.
00:02:28: Ein lebendiges Archiv, das Sylvia Levinson Jahr für Jahr ergänzt!
00:02:33: Heute zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der Alexander Tuchek-Stiftung gibt die Ausstellung Future Horizons einen Einblick in diese Sammlung – genauso wie dieser Podcast.
00:02:44: Mein Name ist Sarah Fischbacher.
00:02:46: In jeder Folge schauen wir uns Werke aus der Jubiliumsausstellung oder dem Buch About Glass genauer an.
00:02:52: Lernen Künstlerinnen und Künstlern kennen und tauchen ein in die Welt von Glas, in der zeitgenössischen Kunst.
00:02:59: Future Horizons ist noch bis Juli, Jh.
00:03:03: in den Ausstellungsräumen Blackbox und Blackbox First Floor in Münchens Parkstadt Schwabing zu sehen.
00:03:08: Weitere Informationen findet ihr in den Shownotes.
00:03:12: Das ist
00:03:13: Zu Besuch
00:03:14: bei Sylvia Levinson.
00:03:28: Du bist hier mitten im Nirgendwo.
00:03:30: Wir sind zu Besuch beim Sylvia Levenson.
00:03:33: Ihr Atelier liegt bei Lesa, einem kleinen Örtchen auf der Westseite des Lago Maggiore in Norditalien.
00:03:39: Seit einigen Jahren lebt sie hier.
00:03:41: Vorher war sie lange in Mailand, rund siebzig Kilometer entfernt.
00:03:45: Nachdem die Mieten dort zu hoch werden, zieht sie an den See in das winzige Örtjen.
00:03:50: kaum Gehwege – nur alle paar Stunden kommt mal ein Zug.
00:03:53: Mir ist es immer so vorgekommen als würde ich jemanden hier her entführen!
00:03:58: Sylvia nimmt uns mit im ihr Studio Eine alte Papierfabrik, am Hang zwischen den Häuserfluchten mit Blick auf dem Lago Maggiore am Rand der Alpen.
00:04:06: Perfekte Kulisse, lange Fensterfronten, viel Licht!
00:04:13: Im Eingangsbereich steht ein großer Tisch mit Büchern.
00:04:16: Ich habe hier unterrichtet und das Lehren ist Teil meiner Praxis.
00:04:21: ich lebe den Kontakt mit anderen Menschen.
00:04:26: Sylvia gibt ab und zu Workshops hier Bilder an der Wand Unzählige Bücher, alte Plakate.
00:04:33: Am Ende des Eingangsbereichs führt eine Treppe nach oben in den Arbeitsbereich – ein großer Holztisch in der Mitte an den Wändenregale mit chemischen Flüssigkeiten, Werkzeugen, Pinseln… Eine Theke an der Wand, Töpfe und weitere Apparaturen, dazwischen halbfertige Objekte, an denen Sylvia gerade arbeitet.
00:04:52: Sie hebt einen Objekt hoch, einem Mockerkanne aus gelblichem Wachs.
00:04:56: Hier
00:04:59: sieht man, ich arbeite gerade an diesem Stück einer Mokka-Kanne.
00:05:05: Zuerst forme ich sie in Wachs, dann mache ich die Gips und Silikonform.
00:05:12: Sylvias Methode?
00:05:13: Zuerste stellt sie jedes Werk in Wax her Dann fertigt sie eine Form an mit der Sie schließlich das Glasobjekt gießt.
00:05:22: An der anderen Seite des Raumes stehen verschiedene Öfen Kastenförmige Runde Bauchige
00:05:30: Und
00:05:30: dann gibt es diese ganzen Maschinen hier.
00:05:33: Die sind zum Fertigstellen der Objekte.
00:05:36: Wenn ich den Ofen öffne, habe ich ein Gipsstück mit dem Glasobjekt darin.
00:05:43: Danach wird noch geschliffen und poliert – und das Stück ist fertig!
00:05:50: Mein gesamter Prozess ist zwar technisch aber es ist eine Technik die man im eigenen Studio anwenden kann.
00:05:57: Ich benutze zum Beispiel einen Tapetenablöser, oder das hier.
00:06:02: Das
00:06:02: ist eigentlich zum Kerzenziehen.
00:06:04: Alle Geräte die ich benutze sind im Grunde ganz einfach.
00:06:12: Haushaltsgeräte umfunktioniert für die Arbeit mit Glas.
00:06:16: Sylvia macht eigentlich alle Arbeit selbst in ihrem Atelier vom Wachsmodell bis zu abschleifen und polieren des Glasobjekts
00:06:24: Denken
00:06:25: und machen.
00:06:26: Das
00:06:26: ist für mich ein und derselbe Prozess.
00:06:30: Es ist wichtig, dass meine Hände an jedem Schritt beteiligt sind Denn wenn ich arbeite kann ich noch alles verändern.
00:06:49: Was Sylvia hier macht hat sie sich über Jahre oft selbst beigebracht.
00:06:56: Ich muss dazusagen, ich habe keine formale Ausbildung im Bereich Glas absolviert.
00:07:01: Nie
00:07:02: an einer Kunstakademie studiert.
00:07:04: Das erste Mal das ich Glas als künstlerisches Medium erlebt habe war in New York.
00:07:10: Wir besuchten das MoMA und davor war das American Craft Museum.
00:07:21: Das hat mich umgehauen.
00:07:23: Ich hatte noch nie zuvor Glas für Skulpturen gesehen, ich dachte, ich muss nach Hause fahren und einen Weg finden das zu
00:07:31: machen.".
00:07:35: Zurück in Italien – einem Land, dass bei der Glasherstellung stark von der Murano Tradition geprägt ist will Silvia es anders machen!
00:07:45: Schließlich fuhr ich nach Frankreich in das Müs-Faire, Glasmuseum ins Zarbuterie.
00:07:51: Das eigene Werkstätten
00:07:52: hatte.
00:07:53: Dort konnte ich die Technik erlernen.
00:07:56: Ich besuchte zwei Workshops
00:07:58: bei Antoine Leperlier und einem weiteren Künstler.
00:08:02: Danach
00:08:02: begann nicht zu experimentieren und meinen eigenen Weg zu
00:08:05: finden.".
00:08:08: Sie entwickelt ihre eigene Sprache.
00:08:11: Glasmesser, die über Puppenhäusern hängen Kinderschuhe mit Nägeln darin, rosarfarbene Handgranaten in Obstschalen.
00:08:20: Was auf den ersten Blick verführerisch schön ist, entpuppt sich beim Nähren hinsehen als
00:08:25: Bedrohung.".
00:08:27: Wir vertrauen dem Glas und gleichzeitig wissen wir das Glas brechen und uns verletzen kann – diese Widersprüchlichkeit die mag
00:08:39: ich.
00:08:51: Levenson wächst auf in Buenos Aires.
00:08:53: Sie wird schnell erwachsen.
00:08:54: Mit sechzehn heiratet sie, mit neunzehn bekommt sie ihr erstes Kind.
00:08:59: Dann ein Jahr später kommt der Putsch.
00:09:02: Am vierundzwanzigsten März nineteenhundertsechsundsiebzig übernimmt General Roche Raphael Bidela die Macht in Argentinien.
00:09:10: Sylvia verteilt Flugblätter und leistet Widerstand.
00:09:13: Sie ist gefährdet – ihre Familie ist im Mediengeschäft tätig.
00:09:17: Cousins und Tante verschwinden einige von Unzähligen zu dieser Zeit!
00:09:23: Während der Diktatur verschwanden dreißigtausend Menschen.
00:09:27: In Argentinien sprachen wir von den Verschwundenen, aber heute wissen wir sie wurden ermordelt.
00:09:34: ich war dreiundzwanzig Jahre alt zwei meiner Cousins wurden getötet und auch meine Tante.
00:09:42: da haben wir beschlossen Argentinian zu verlassen.
00:09:46: es ist das Jahr nineteen hundert achtzig.
00:09:49: Silvia ist dreiund zwanzig jahre alt hat zwei Kinder, Emiliano elf Monate und Natalia dreieinhalb Jahre.
00:09:58: Kein Geld kein italienisch keinen konkreten Plan nur die Gewissheit dass sie gehen muss.
00:10:04: Die Familie verlässt Argentinien auf dem Seeweg mit einem Schiff in Richtung Italien.
00:10:09: Wir
00:10:10: kamen in Italien an ohne Geld ohne Plan ohne ein Wort Italienisch zu sprechen aber voller Energie.
00:10:19: Manchmal sehe ich mich von damals vor mir und ich staune,
00:10:23: wie stark
00:10:24: ich mich gefühlt habe.
00:10:26: Wenn ich mich heute so sehr – bei twenty Jahre alt zwei Kinder in ein fremdes Land emigriert würde ich mir sagen
00:10:34: was
00:10:34: machst du da eigentlich?
00:10:39: Und tatsächlich klappt es!
00:10:43: Es war nicht einfach.
00:10:45: In Italien landeten wir in einem kleinen Ort, in der Nähe von Mailand.
00:10:50: Dort haben wir uns ein Leben aufgebaut.
00:10:53: Ich hatte in Argentinien als Grafikdesignerin gearbeitet.
00:10:56: Kunst hatte ich nie studiert.
00:10:59: Ich
00:10:59: dachte damals sogar es sei zu bürgerlich etwas mit Kunst zu machen.
00:11:05: Silvia fängt in Italien mit Malerei und Druckgrafik an Und dann kommt das Glas.
00:11:12: Inspiriert von ihrer Begegnung mit Bertel Walins Werk in New York, entscheidet sie sich endgültig für dieses Material und die Kunst.
00:11:32: Sie zeigt ihre Glasarbeiten im Galerien, Kinderschuhe mit Nägeln darin, Spielzeugen mit bedrohlichen Untertönen – aber Sylvia möchte nicht darüber sprechen woher diese Bilder kommen.
00:11:43: Ihre Kunsthandle von Spannungen im Alltag!
00:11:46: Nicht von ihrer Kindheit, nicht von Argentinien bis zu einem weiteren Trip nach New.
00:11:53: Eine Künstlerfreunde nimmt Sylvia mit Louise Bourgeois, der damals bereits legendären französisch-amerikanischen Künstlerin die für ihre tiefen psychologisch aufgeladenen Werkwelt berühmt ist.
00:12:08: Und
00:12:08: dann sagte sie zu mir, wir könnten Louise besuchen.
00:12:13: Ich dachte Sie spinnt?
00:12:14: Ob sie wüsste wer Louise Bourgeois ist?
00:12:17: Doch doch!
00:12:19: Wenn man in New York ist und einfach anruft, ist sie im Studio.
00:12:23: Sie
00:12:23: pflegte sonntags ihren Salon.
00:12:25: weil sie in dem Alter nicht mehr viel Gesellschaftsleben hatte mochte sie diese Idee.
00:12:30: Tee trinken, Schokolade
00:12:31: mitbringen.".
00:12:33: Wir
00:12:33: kamen nach New York City, gingen zu einer Telefonzelle, schlugen Bourgeois im Telefonbuch nach und riefen
00:12:41: an –
00:12:42: die Assistentin nahm ab!
00:12:43: Wir sagten wir würden Duis Bourgeois gerne besuchen und sie sagte «ja natürlich».
00:12:53: Sylvia kann es kaum fassen dass sie einfach so ihr Idol treffen kann.
00:12:58: Im Salon von Louise Bourgeois trinken sie Tee, sprechen über die Kunst und dann möchte Louise sehen was Sylvia macht.
00:13:07: Ich
00:13:07: zeigte ihr meinen ersten Katalog und dann fragte sie mich – hattest du eine schwierige Kindheit?
00:13:15: Bis
00:13:15: zu diesem Moment hatte ich nie über mein Privatleben gesprochen, auch nicht über das was in Argentinien passiert war.
00:13:22: Ich wollte kein Opfer sein oder zumindest nicht zugeben dass ich eins war
00:13:29: Aber zum ersten Mal sagt Sylvia Ja.
00:13:32: Was bourgeois ihr daraufhin sagt trägt Sylvia bis heute mit
00:13:38: weil sie selbst so offen war.
00:13:41: Ich gestand ihr, ja meine Kindheit war
00:13:45: ein
00:13:45: bisschen schrecklich
00:13:47: und
00:13:47: ich sagte ihr auch, ich weiß nicht wie ich darüber sprechen soll.
00:13:53: Da sagte sie mir du musst einen Gleichgewicht
00:13:55: finden
00:13:56: denn die Menschen mit denen du den Raum des Werks teilst, denen bietest du eine Brücke in deinen Raum einzutreten.
00:14:04: Ab diesem Moment hört Sylvia auf ihre Kunst von ihrem Leben zu trennen.
00:14:09: Was folgt, ist ihre bisher wichtigste Serie.
00:14:25: Ungefähr nineteenhundertneunzig wollte ich ein Werk schaffen über Kinder, die während der Diktatur geboren wurden, deren Familien das Militär ermordet hatte
00:14:35: und die
00:14:35: dann in illegale Adoptionen gegeben wurden.
00:14:40: Viele Frauen, die vom argentinischen Militäre als politische Gefangene inhaftiert wurden waren schwanger oder hatten Kleinkinder.
00:14:47: Die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt und illegal zur Adoption freigegeben.
00:14:53: Das Militär und seine zivilen Komplizen, Ärzte, Priester- und Korrupte Beamte wollten eine ganze Generation und deren Nachkommen vom Erdboden verschwinden lassen.
00:15:03: Mit Terrormethoden versuchten sie die Mütter zum Schweigen zu bringen, die sich jeden Donnerstag vor dem Regierungssitz auf der Plaza de Majo versammelten.
00:15:12: Nach dem Ende der Diktatur gründeten die Abuelas de Plaza de Marjo, die Großmütter vom Plaza de Majo eine Organisation um diese graubten Identitäten zu finden.
00:15:22: Sie wurden zu Detektivenen – Sprachen mit Ärzten, Nachbarn, Wissenschaftlerinnen.
00:15:27: Sylvia besucht sie.
00:15:32: Sie hatten Kisten mit Babykleidern und Spielzeug, das sie für die Kinder gekauft hatten.
00:15:37: Weil sie sie erwartet
00:15:38: hatten.
00:15:39: Diese Babykleiding zu sehen war so berührend!
00:15:43: Ich wollte sie bitten mir die Kleider zu überlassen aber sie hingen so sehr daran.
00:15:48: Also begann ich selbst, Babykleiden aus Glas zu machen als Erinnerung an jene Kinder, die heute schon fünfzig Jahre alt sind.
00:15:57: keine
00:15:57: Babys mehr Aber alles begann, als sie noch welche waren.
00:16:07: Kein Kind kann diese gläsernen Kleider je tragen – die Abwesenheit ist in das Material eingeschrieben.
00:16:13: Recovered Identity so der Titel des Werks reist seither um die Welt von Buenos Aires über Mailand bis nach München.
00:16:27: Als die Alexander Tutschek-Stiftung mein Werk erwarb, umfasste die Serie ungefähr einhundertachzehn Stücke.
00:16:34: Seitdem ergänze ich sie jedes Jahr.
00:16:36: Für jedes Kind das eine Identität zurückbekommt, fertige ich ein neues Kleidungsstück an und sende es der Stiftung.
00:16:46: Heute zählt die Serie hundertdreißig gläserne Kleidungsstücke für Babys.
00:16:51: Jedes steht für ein Leben, dass seinen Namen zurückbekam für Kinder, die die Namen ihrer leiblichen Eltern erfahren und ihre biologischen Familien kennenlernen konnten.
00:17:03: Die Idee war – sie sind wie Einträge in einem Register.
00:17:08: Ich nutze Glas für diese Idee der Erinnerung.
00:17:11: Wir verwenden Glas zum Beispiel auch zum Konservieren, zum Einmachen.
00:17:17: Kein Kind könnte diese Kleider jemals tragen.
00:17:21: Sie
00:17:21: sind wie die Erinnerung an jemanden.
00:17:24: Ich wollte etwas Positives schaffen, nicht über die Abwesenheit der Kinder sprechen sondern über die Kinder, die dank der Großmütter ihre Identität zurückbekommen
00:17:34: haben.".
00:17:47: Die bunten Babykleider tragen gleichzeitig schmerzhaften Verlust und auch etwas kindliches spielerisches in sich.
00:17:54: Diese Spannung ist bei Sylvia Levinson Teil ihres künstlerischen Ansatzes.
00:18:01: Ich nutze die Schönheit des Glases, um in Kontakt mit dem Betrachter zu treten,
00:18:07: denn
00:18:07: ich möchte nicht das Menschen sofort negativ reagieren.
00:18:11: Auf den ersten Blick sieht all meine Arbeit schön
00:18:14: aus.
00:18:18: Dieses Prinzip zieht sich durch ihr gesamtes Werk.
00:18:21: Besonders deutlich wird es in einer ihrer bekanntesten Serien.
00:18:25: Kleine Handgranaten aus rosafhabendem Glas.
00:18:31: Als ich die kleinen Handgranate gemacht habe, standen sie für mich für die Gewalt, die in Häusern passiert.
00:18:37: Es ist wie ein Krieg, indem man nicht weiß dass man in einen Krieg zieht.
00:18:42: Fünfzigtausend Frauen, die durch Gewalt von Männern getötet wurden Das ist eine enorme Zahl.
00:18:49: Ich
00:18:49: habe eine Waffe benutzt, um darüber zu
00:18:51: sprechen.".
00:18:56: Auch aktuelle Arbeiten folgen diesem Prinzip.
00:18:59: Riesengroße perfekt geformte Glasflakons beschriftet mit Begriffen wie Self-esteem Joy Love Glasmedizin gegen gesellschaftlichen Druck Eine sechzig Zentimeter große überdimensionierte Pipettenflasche mit der Aufschrift Empathy.
00:19:17: Sie stehen auf einem Tisch im Atelier, bereit für die nächste Ausstellung.
00:19:23: Ich
00:19:23: habe mit der Idee der Kosmetik des Glücks gearbeitet und mit dem Druck der Gesellschaft immer jung bleiben – immer das Beste aus sich herausholen.
00:19:34: Das
00:19:34: macht uns unausweichlich unvollkommen!
00:19:38: Sie stehen für eine Gesellschaft, die uns Perfektion verkauft.
00:19:42: Sylvia macht ihr Gegenmittel aus demselben Material.
00:19:46: Ich würde mir wünschen, ein paar Tropfen Selbstwertgefühl oder Freude nehmen zu können.
00:19:52: Unsere Welt braucht so viel Empathie, Staunen und Hoffnung.
00:19:58: Glück
00:19:58: bedeutet für jeden etwas anderes.
00:20:01: In Amerika ist das Streben nach Glück sogar in der Verfassung verankert.
00:20:06: Für manche ist Entspannung Glück, für andere bedeutet es toll auszusehen.
00:20:11: Wir stehen alle unter großem Druck.
00:20:14: Mit einem Augenzwinkern habe ich deshalb diese Medizin erfunden, auf die ich Glück draufschreibe.
00:20:21: Das wäre wirklich
00:20:22: schön.".
00:20:24: Im Atelier auf dem Tisch am Fenster zeigt Sylvia auf eine Flasche.
00:20:28: Sie steht neben den anderen aufgereiht – fällt aber aus dem Muster heraus!
00:20:33: Hope.
00:20:34: Hoffnung.
00:20:35: Auf dem Transport zerbrochen.
00:20:38: Anstatt die Scherben wegzuwerfen, klebt sie sie zusammen
00:20:43: Auch wenn es zerbrochen ist,
00:20:45: es bleibt
00:20:45: immer Hoffnung.
00:20:47: Sylvia Levinson klebt die zerbrochene Hoffnung zusammen – nicht perfekt sondern so dass man die Risse in dem Glasbehältnis noch sehen kann.
00:20:56: aber das Glas hält Stand!
00:21:06: Mein Name ist Sarah Fischbacher und das war Future Horizons.
00:21:10: Folge sechs zu Besuch bei Sylvia Levenson.
00:21:14: Die Ausstellung Future Horizons könnt ihr noch bis zum zehnten Juli, in den Ausstellungsräumen der Alexander Tutscheck-Stiftung sehen.
00:21:23: In der Blackbox und Blackbox First Floor in Münchens Parkstadt Schwabing.
00:21:28: Skript & Interview Jaya Mirani Produktion Forty Eight Forward.
00:21:35: Future Horizont ist ein Podcast der Alexander tutschecks Stiftung.
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